All der Rost zwischen den geborstenen Mauern… Pulvrige Eisenskelette in altem Beton.

Seit Tagen streif ich durch die Schuttruinen. Meine Schuhe sind zerschnitten von  vorstehenden Nägeln und Metallsplittern, Sand in den Schuhen und meine Beine zerkratzt an steinigen Kanten, Sand und Kies zwischen den wunden Zehen.
Vor Tagen schon bin ich hergezogen, gesehen hab ich dich noch nicht. Nicht gerochen, nicht gespürt. Meine Hände sind leer und kalt. Blutkrusten in meinen Ohren. Bist du hier? Irgendwo streift was durch die rauen Betonnester, ja… ich hör den Wind und Putzfassaden bröckeln. Mörtelschollen zerschellen auf dem Asphalt und wölkender Staub legt sich auf meine Augen. Ein trockenes Kratzen im Hals, das Wasser ist tot im Schuttgebirge. Die Straßen glitzern, es sind Glassplitterwellen, die sich kräuseln.

Was macht all das Glas? Ich verstehs nicht.

Die meisten Fenster sind zerbrochen und nur rostige Kreuze erinnern sich noch. Selbst die sind auf der Flucht. Ich suche Halt, hänge plötzlich an rotbraunem Staub und glasige Splitter stecken in der Haut.
Wo bist du?
Drei Tage such ich dich. Nachts weiß ich nicht mal, wo ich bin.

Gestern, als die Dämmerung brach, lag ich plötzlich auf einer blühenden Wiese. Ameisen trugen meine Lippen fort und ein Mistkäfer rollte mein rechtes Auge vor sich her. Auch das hat dich nicht gesehen.

Heute morgen hab ich eine reitende Statue gefunden; ich weiß nicht, wem oder was zu Ehren, die Widmung, die Tafel war aus Lebkuchen. Ich musste sie einfach essen nach den langen Fastenjahren. Der Zuckerguss klebt mir noch an den Lippen… Er spricht nicht mehr zu mir. Ich seh den Reiter von hier aus, ich beobachte dich, denke mir, das bist du, spielst ein bisschen, spielst mit mir. Wenn ich die Hand ausstrecke, kommst du lässig herüber und nimmst mich in deine Arme vielleicht. Meine Finger zucken und fast hebt sich mein Arm. Aber der Staub kratzt trockene Muster in meine Augen und ich schweig mich nieder.

Seit vier Stunden kommt Nebel auf. Mein Haar klebt an meinem Gesicht und am Nacken, ich bin schon aus zwei Fenstern gefallen, weil ich sie nicht gesehen hab in dem hellen Grau; darum steh ich jetzt einfach hier, dass du zu mir rübergeritten kommst und das blöde Spiel abbrichst, ohne dass ich was sagen muss.

Eh nicht.

Ich setz mich auf einem Schutthaufen zur Ruhe. Die scharfen Trümmerkanten reißen meine Hose ein und schieben grauen Dreck zwischen Stoff und Haut. Auch egal, die sind eh schon nass und schwer vom Nebel.
Vielleicht sollt ich aufhören, dich zu suchen, vielleicht kommst du dann von selbst? Vielleicht gehst du aber auch ganz.

Regen schlägt auf meinen nackten Fuß. Der Nebel gerinnt. Der Staub auf den Gehwegen zieht sich dunkel zu Flecken zusammen. Jeder Tropfen lässt Glassplitter aufspritzen. Ich schau rüber zu dir. Der Regen wäscht mir den Zucker von den Lippen. Du tropfst von deinem Sockel und bald ist es egal, dass ich dein Schild gegessen hab. Es wär dann auch egal, wenn ich dran verhungert wär.

Nasser Dreck klebt an meinen Fußsohlen. Wie aus einer Quelle bricht Wasser aus dem Geröll hervor, sprudelt und macht meine Hose schwer und klebrig. Mein Hemd wird kalt und klamm und der Puderzucker perlt daran ab und springt in den nassen Staub. Taub öffne ich Knopf auf Knopf und der Regen tropft mir aus dem Haar in die Brust.

Du kannst mich.

Dein Hemd reiß ich mir von den Armen, es klatscht ins Glasmeer.
In irgendeiner Ferne tropft noch dein Huf…
Ein Donner erschüttert die Stadt und die Fensterkreuze fallen, der Regen wäscht sich erdigrot und ich geh wie durch schmutzig verdünntes Nasenbluten über den nassen Gehweg. Die Strömung bricht sich an meinen Füßen und schleift sie ab. Ameisen kommen aus einem Gullydeckel gequollen und ein Mistkäfer sitzt erwartungsvoll auf meinem großen Zeh.

Seit drei Tagen bin ich hier, denk ich doch. Hätte ich dir vielleicht noch sagen sollen, wohin ich geh? Die Arche hast du ja doch vergessen. Das Wasser knirscht zwischen meinen Zehen und meine Jeans klatscht mir gegen die Fersen; ich schlucke Regen und speie meinen Sommer in eine rostige Mülltonne.
Was denk ich noch mal an dich seit Tagen? Eine Ameise malt den Zucker von meinem Mund. Den Weg zum Sonnenbruch hätt ich fast vergessen. Such du jetzt. Deine Zahl hab ich gewürfelt. Den Beweis hat der Regen weggespült, ich hab ihn nicht getrunken, nein… es tropft von meinem Ohr, schwammiger Schorf, du fängst mein Wasser nicht auf…

bittermandel regen