Ich lach über das Grauen der Gesichter und lauf durch die alten Glastüren, die schwingen auf und bersten, Graffitis regnen auf den alten Sand.
Sie sind da, sie jagen mit Kerzen. Zwei flankieren die alten Türen, die sind blind, die sehen die Nacht nicht. Die hören noch das Marktfest vom Mittag, als wir taten, als gäb’s was zu feiern. Die Feiernden sind noch unter den Jägern,voll müdem Lachen.
Ich lache so albrig, sie sehen zu mir hin, die Blinden.
„Ach Gott, es ist ja schon Nacht! Ich bin einfach eingeschlafen, so was. Ach, verzeihen Sie, wo kann man denn hier zur Toilette? Da drin?“
Einer setzt an.
„Oh, dankeschön, ich mach ganz schnell.“
Ich lauf wieder rein und jemand hält mich drinnen fest, im Dunkeln, bevor ich falle.
Es ist nicht mal mehr Glas in den Türen; ich kann meine Schwester nicht sehn.

Als führend Flüchtende werd ich aus dem Sand gerissen und verlier ihre Hand. Hinter mir stocken wir.

Sie ziehen den Kindern die Sicheln über die Hälse. Dass sie fallen, ist nur, weil sie schlau sind, aber vielleicht ist es ja doch, weil, vielleicht doch…

Ich verlier an Höhe, das Gras streift meine nackten Beine, eine Distelblüte hängt an meinem Fuß. Rote Schlieren im Wasser, abgeknickte Hälse. Eine Distel an meinem Fuß, Blutränder um lächelnde Lippen. Meine Schwester, sie ist hinter mir, sie sind hinter mir, ich sehe sie nicht. Wo sind die Kinder? Gott!

Ich hetz durchs Dorf, mein Atem spiegelt sich in den Fenstern. Ich renne taub durch die Straßen, mein Atem springt mir von den Hauswänden vor die Füße.

Zwei kommen aus der Gasse, die sprechen, Inge denkt, wir kennen uns nicht und wirft mir einen unruhigen Blick zu, sie spricht weiter und biegt wieder ein, allein. Malou und ich sehn uns an. Mein Atmen fällt vom Himmel wie Regen, wie Hagel, wie Schnee.
„Was machst du hier?“
Sie ist stumm und meine Stimme ist vom Mond. Wir kennen uns und vor zwei Jahren.
So ist das.

Eine Sichel schlägt auf Stein. Sie ist es nicht.

Sie liegen im Regal, Maurice und Salean, glaub ich, vielleicht so ähnlich, ich hab sie geschlagen. Sie liegen im alten Lattenregal bei Inge, wo das ganze alte Zeug rumsteht  und verstaubt, der alte Fernseher und der alte Kühlschrank; auf dem alten Herd kocht Inge Tee, sie ist unruhig und spricht ganz heiter.
Malou schaut mich dauernd an, sie schaut nicht weg. Dauernd sehn wir uns an. Sie sieht aus wie da, wir kannten uns nie so richtig, aber ich hab sie doch vermisst.
Es ist kalt bei Inge und ich zittere so; ich zittere, ich weiß nicht, wo meine Schwester ist.

Einer zuckt. Malou sieht mich an. Inge lächelt ihm zu und nippt am Tee.
Er dreht den Kopf und brummt schläfrig, er blinzelt verwirrt.
Mein Atmen platzt.

Meine Augen sind grau und ich halte den Jogurtbecher fest, ich presse die Hand darauf, Schweiß tropft von den Fingerspitzen. Malou und ich, wir starren uns an, und Inge trinkt ihren Tee und mustert den Jogurtbecher, von da schreit’s. Ich halt ihn fest zu und von innen schlägt wer dagegen und schreit, er beult sich aus. Es schlägt durch den Deckel gegen meine Hand, es schlägt, es tritt und es schreit. Ich fall an die Wand und ich atme, ich schlag auf den Deckel und zittere ganz, ich weine und schwitze so kalt, Malou schaut mich an, ich kenne sie nicht. Durch meine Finger quillt Jogurt, ich stopfe ihn zurück, er mischt sich mit Blut, das Zappeln lässt nicht nach. Sicheln, Sicheln auf Stein. Der Schrei kratzt leiser. Mein Mund ist rot wie Jogurt. Ich reiße den alten Kühlschrank auf, ich zittere, ich zittere so, meine Hand ist nicht still, der Becher ist still, ich quetsche ihn zwischen Erbsen und Himbeeren ins Eisfach und schlag die Tür zu. Malou nimmt meinen Atem in die
Hand und riecht daran. Mein Schweiß ist zu kalt, eine Distel klebt an meinem Fuß.

Ich schlag Stein auf Stein und meine Hände obenauf.
Abgeknickte Kinderäpfel. Ich weine weiß und schreie grottenblau, die Sterne sind weg, sie sind weg.
Dieu, c’est moi, c’est sans moi! Dieu!
Sichel auf Stein, Hand auf Stein, Sichel aufs Grab, Auge auf Auge, Zahn auf Stein. Mein Schweiß ist kalt und hält die Steine nicht, er hält mich nicht und meine Schwester nicht, ich sehe sie nicht, ich bin die Nacht. Wo ist das Sternendepot? blut in den mundwinkeln. mond in händen. sichel auf stein hände auf stein. wasser in mund, wo sind sie, wo ist sie, wo sind sie, wo ist nicht so wo ich wo

heute vor mir vogelfrei, morgen gewusst