Der Schnee fällt wie Sand und Zement, er rutscht nass und schwer von den Dächern. An den Erkern spritzt die Gischt. Vor meinem Fenster fallen die Brocken und ich weiß nicht, wen sie treffen unten auf der Straße. Falls da überhaupt jemand ist Blödsinn ist doch immer jemand da.

Das Telefon klingelt. Vielleicht: WerbungVersicherungChefVermieterUntermieterKrankenha. Zu spät, die Pflanzen sind eingegangen. Der Vogel auch. Gibt ja Gärtner. Gibt ja Tierhandlung.
Warum geht das noch? Nun, der Strom ist auch noch da. Vielleicht läuft das jetzt alles über Strahlung. Oder so. Muss ja. Bei dem Wetter. Will ich mir auch gar nicht vorstellen. Roher Brokkoli, harte Nudeln. Lesen mit Taschenlampe unter der Schneedecke. Haha.

Ein Eiszapfen schlägt durchs Glas und bleibt stecken. Er ist schwarz. Wie auch nicht? Mit dem nackten Fuß schieb ich die Scherben zusammen und tret darauf wie im Fernsehen. Funktioniert nicht, der “schiebt sich alles übereinander”-Trick. Das Blut ist kalt, zum Glück, es fließt nicht. Wär ja noch schöner, bei dem edlen Teppichboden (apricotfarben. babykotzefarben). Ich setz mich auf die Fensterbank (beim Freiwischen bleibt mir Glasstaub an den Händen kleben und Schnee) und zieh die Splitter aus der Fußsohle. Aus dem Ringzeh und der Hornhaut. Wie viel Glas so ein faustgroßes Loch verstreut… Bei den Scherben muss ich an was denken, an irgendwas wie einen Kindheitstraum, ich erinner mich nicht genau. Was man halt manchmal so hat. Die Schnitte im Fuß bleiben leer und erinnern mich an Momos Nichts.

Neulich hatte ich ein Flashback: Ich fuhr mit meinem Vater über einen Highway in Amerika, Richtung Las Vegas. Ich hatte Geld gestohlen und er mir versprochen, es verzocken zu dürfen. Sein Haar schlug mir hart ins Gesicht und ich war sicher, blutige Striemen zu finden, tastete ich mit den Fingerkuppen danach. Aber ich tat es nicht.
Ich war Mitte zwanzig. Mein Vater auch. Ein Traum vielleicht, wie diese Träume, die man noch neben der Plazenta verdämmert und später für wahr hält, bis Eltern oder Tanten einen schlauer machen. Vielleicht gehts Kindern anders, die schon im Uterus mit Mozart zugedröhnt werden (nur kein Leistungsdruck!), aber das ist mir erspart geblieben. Wenn ich allen glauben darf, bin ich mit Elfman und Zimmer ausgebrütet worden. Alles sehr human. Und Papa hat dazu Percussions gespielt.

Ich drück den Eiszapfen nach draußen und würd gern wissen, ob er jemanden trifft. Hier kann er nicht bleiben – wenn er tropft, leidet wieder der Teppich. Geht gar nicht. Auf meinen Händen glänzt ein öliger Film. Man sollte T-Shirts drucken: ‘Smog, ich will ein Kind von dir’ oder sowas. Jeder muss sie tragen und man kann sich nur freikaufen, wenn man Kinder aus Haiti adoptiert oder Essen nach Liechtenstein schickt. Gut, gut, das hat nichts miteinander zu tun…

Meine Haut wird nass durch die Hose. Es fällt Schnee durch das Loch. Sollte mal einer abkleben mit Plane oder Pappe. Schlechter kann die Sicht nicht werden. Ich schieb die Hand aus dem Fenster, die Glaszacken ritzen weiße Spuren in eine Hautschicht. Mit wuchtigen Schlägen klatschen Schneeklumpen auf die Gelenke, meine Haut knackt.
Das Schmelzwasser gefriert auf meinen Nägeln. Sieht glaciert aus und sehr edel. Bisschen flüchtig halt.
Ich greif einen Zacken und brech ihn raus, auch das knackt. Splitter spritzen in den Schnee auf der Fensterbank. Ich werf die Scherbe raus. Und die nächste. Und noch eine. Das Glas spannt und bricht unter meinen Händen, ein Ölfilm an der Außenseite (ist doch zum Kotzen) reißt Schlieren in den abgelagerten Schnee. Well, my dear, my, my, immer frisch. Das Fensterkreuz ist frei, ich reiß es raus, die öligen Scherben gehn auf mich nieder und auf den Teppich (Scheißteil). Sie schneiden mir das alte Shirt von den Schultern. Nun, war eh geschenkt. Ich umfass den Fensterrahmen mit den Scherbenresten und zieh mich raus. Der Schneefall schlägt hart auf hart auf meinen kalten Kopf und das scharfe Glas schneidet mir den Gürtel auf. Ich zappel ein bisschen unbeholfen, winde mich aus dem Rahmen auf das breite Sims, schneebeladen und mit fahrigen Eiskrusten besprenkelt, meine Hände versinken in dem weißen Kleister, ich rutsche etwas ab und mit dem Kinn in den Schnee. Immer diese Umstände. Fenster sollten wie Türen sein, aus denen man raus in den Himmel spazieren könnte, so ganz hypothetisch und pathosbeladen. Stattdessen diese Scheiße von Kraftakt, wenn man mal mit allen Extremitäten frische Luft braucht. Die Löcher in Händen und Füßen stopfen sich mit Schnee, wie kalter Dorn.

Mischeks Salut