Ich habe begonnen, Rosmarin an deine Tür zu tragen. Lange trug ich ihn bloß unterm Haar, einzelne Nadeln im Dickicht an der Kopfhaut, wie immer, später dann ab und an Zweige hinterm Ohr oder auch mal im Gürtel unterm Hemd. Dann: Die großen Feiertage, die kamen und gingen und von dir kein Wort. Kein Bild. Nun weine ich nachts nicht mehr. Ich liege wach und sehe Sternbilder in der Rauhfasertapete über meinem Bett, ganz körnig im Späti-Licht von draußen. Ich denke mich eingesperrt in feuchte Keller, verschüttet in Burgverliese und verirrt in Kohlestollen, denke mich schreiend an die Ufer der Seine in Paris, wo ich springen muss. Manchmal stehe ich auf und stelle mich ans Fenster. Unter den Fußsohlen spüre ich den Staub auf den Dielen, meine Hände hängen kalt herunter, auch im Sommer. Auf der Straße unten fahren und bremsen die Autos, im Spätkauf stehen alte Männer und Frauen, die schweigend trinken und rauchen. Mit der Zeit werden auch meine Füße kalt, die staubigen Fußsohlen taub, ich gehe dann zum Schrank und nehme die Hosen, die ganz oben liegen. Je nach Sortierung T-Shirt, Hemd oder Pullover, Socken, in die ich die staubigen Füße schließe. Ich schür meine Schuhe, schneide Rosmarin von dem Strauch im Waschbecken und verlasse die Wohnung ausgesperrt ohne Schlüssel. Über den nachtkühlen Asphalt und gegen die nächtlichen Winde gehe ich hin zu deiner Tür, Autolichter, Motorradlichter, Fensterlichter, Schriftneon, Symbolneon, Barneon. Die Zweige trage ich andächtig wie ein Kranker, mit kalten und schweißklammen Fingern, bis ich vor den Stufen zu deiner Tür stehe, die so hoch sind, dass ich sie besteigen muss. Freihändig, da meine Hände den Rosmarin halten müssen. Atemlos kauere ich schließlich auf der vorletzten Stufe und schiebe mit zitternden Fingern die Kräuter über die Kante.

Du auf jeden Fall nimmst die Zweige, rupfst sie und tust die Nadeln ans Hähnchen und ans Kalb, was vielleicht bezeichnend ist. Du hast sie mir auch schon aus der Hand genommen, als ich sie gerade auf die oberste Stufe legen wollte, ohne mich zu bemerken, als wüchsen einfach so Kräuter auf deiner Türschwelle. Ich hab sie dich nicht mal pflücken lassen, ich habe ohne Widerstand meine Finger geöffnet, in der Hoffnung, du könntest stutzen und aufsehen in mein Gesicht. Aber nur einer der Stängel fiel zu Boden, zu hobst ihn auf, auch zwei abgebrochene Nadeln, und zogst dich zurück hinter die Tür, während ich ertappt stehenblieb, demaskiert und ein wenig geknickt.

zahmes Streicherkraut